Goethe, Schiller oder Heine gibt es nicht nur einmal. Die verschiedenen Ausgaben ihrer Werke weisen auf ein grundlegendes Problem in der Literaturwissenschaft. Im Prinzip gibt es nämlich nicht den Text eines literarischen Werks, einer Dichtung, der mit sich identisch und allgemein gültig ist. Historisch-kritische Ausgaben, kommentierte Studienausgaben, Aus­gaben in historischer, modernisierter oder gar reformierter Orthographie ‑ jede zeigt eine durchaus eigene Version eines Textes.

Im ersten Block erfolgt eine theoretische Einführung in die Gesichte und in Grundprobleme der Editionswissenschaft, außerdem sollen einige historisch-kritische Ausgaben und digitale Editionen kurz vorgestellt und kritisch gesichtet werden.

Im zweiten Block, einem vorwiegend praktisch orientierten Teil, werden an Hand von ausgewählten digitalen Faksimiles von Originalhandschriften Briefe, Gedichte transkribiert und damit grundlegende Probleme des Editors bei der Textkonstitution erfahrbar gemacht. Eine kurze Hinführung in die TEI/XML-Codierung zeigt Wege auf, die zunächst traditionell erfolgte Transkription für die digitale Umsetzung vorzubereiten.

Die vorbereitende Lektüre der Einführung von Bodo Plachta ist ausdrücklich erwünscht:

Bodo Plachta: Editionswissenschaft. Eine Einführung in Methode und Praxis der Edition neuerer Texte. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2006 (2. Aufl.)

M2-4-A-2 Einführung in die Praxis der Edition neuerer deutscher Literatur.
Probleme der Textkonstitution und Textgenese und ihre Darstellung in historisch-kritischen Ausgaben und digitalen Editionen.

„Schlagt ihn tot den Hund, er ist ein Rezensent", schrieb der junge Goethe in einem bösen Gedicht. Damit Ihnen diese lebensgefährliche Abwehr nicht entgegen schlägt, dafür sorgt die Blockveranstaltung „Theaterkritik heute".

Nach der eigenständigen Erkundung und Einschätzung des Stellenwerts der Theaterkritik in heutigen Feuilletons erarbeiten Sie in der ersten Phase des Grundseminars Merkmale und Kriterien, die in einer Theaterkritik nicht fehlen dürfen. Im Laufe des Semesters besuchen Sie Inszenierungen des Düsseldorfer und Kölner Schauspielhauses und erkunden die Mülheimer Theatertage (21. Mai bis 11. Juni), führen Gespräche mit Regisseuren, Autoren oder Schauspielern und erfahren Wissenswertes über das Berufsfeld und Handwerk eines (Theater-)Kritikers. Zu den gemeinsam ausgewählten Stücken verfassen Sie Theaterkritiken, die in der zeitintensiven Endphase der Blockveranstaltung besprochen und überarbeitet werden, so dass sie reif für das world wide web sind.

„Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent!", schrieb der junge Goethe in einem bösen Gedicht. „Ein Rezensent, [...] das ist der Mann, / Der alles weiß, [...] und gar nichts kann!", lesen wir in einem Trauerspiel von Ernst von Wildenbruch. „Wer nicht schreiben kann, rezensiert", erklärte Ludwig Börne verächtlich.

Wurde Kritik zu Zeiten Goethes in Form von handschriftlichen Briefen, in papiernen Zeitschriften oder auch in der Literatur selbst ausgetragen, so findet Kritik heutzutage u.a. in Weblogs statt. Authentizität, Spontaneität und Unmittelbarkeit charakterisieren die Texte in Weblogs. Wir tauschen uns in ihnen über Musik, Mode oder Malerei aus; bisher ist das Theater in der „Blog-Landschaft" weniger intensiv vertreten. Das soll sich ändern: Ihre Theaterkritiken erscheinen im Sommersemester in einem dafür erstellten Weblog. Zum einen lernen Sie, den nur bedingt wiederholbaren Vorgang auf der Bühne in Worte zu fassen und kritisch zu bewerten, außerdem kommentieren Sie die Beiträge Ihrer KommilitonInnen und treten in einen direkten Austausch untereinander.

Neben den vier Blocktagen, an denen wir uns auch der Geschichte der Theaterkritik und der Weblog-Kommunikation widmen werden, erkunden wir gemeinsam die Düsseldorfer Theaterlandschaft (Düsseldorfer Schauspielhaus, Forum Freies Theater (FFT)), diskutieren mit SchauspielerInnen, RegisseurInnen und DramaturgInnen und lernen aktuelle Inszenierungspraktiken kennen und deuten.

Wie entsteht eine Theaterkritik? Welche Informationen braucht ein Kritiker, um ein Stück beschreiben und bewerten zu können? Worin besteht seine Aufgabe als professioneller Zuschauer während des Stückes? Was entsteht durch sein Schreiben? Die Beschreibungen, Reflexionen und Bewertungen eines Theaterkritikers erzeugen eine eigene Welt, die der der Aufführung zwar ähnelt, sie aber nicht kopieren kann. Die Kritik versucht sie einsehbar zu machen, den eigenen durch Erfahrung und Wissen geschärften Blick nachvollziehbar zu machen.
In der Textproduktion entsteht etwas Neues: Der Kritiker wählt ihm interessant erscheinende Elemente aus und komponiert sie neu. Das Seminar geht dem Entstehungsprozess einer Kritik nach. Nach vorbereitenden Recherchen werden verschiedene Inszenierungen (u.a. des Düsseldorfer Schauspielhauses) besucht und im Anschluss über das von uns Wahrgenommene gesprochen und geschrieben. Wichtigster Teil der Arbeit ist die folgende kritische Reflexion der eigenen Vorgehensweise. Diese wird unterstützt durch den Austausch und das Gespräch mit Schauspielern, Regisseuren und Dramaturgen. Welche Welten erzeugt der Kritiker? Welche verschiedenen Perspektiven kann er wählen? Welche Schwerpunkte werden gesetzt? Woran orientieren sich die Bewertungen?