Jazz, so eine bekannte These Friedrich Kittlers, wäre „ohne Schallplatte gar nicht denkbar gewesen.“ Erst die mechanische Tonaufzeichnung ermöglichte den „musikalischen Analphabeten“ aus New Orleans und Chicago auch ohne Notenpapier und Harmonielehre Musik zu machen. Denn statt dem symbolischen Diktat mittelalterlicher Papiernotation weiter gehorchen zu müssen, konnte Musik sich seit der Erfindung des Phonographen einfach selber aufschreiben. Die genreparadigmatischen Improvisationen der Jazzmusiker konnten phonographisch gespeichert werden und Soundaspekte jenseits der papierbasierten Notation wie Klangfarbe, Blue-Notes oder auch die Rauheit der Stimme entwickelten sich zu wichtigen musikalischen Merkmalen der Jazz- und Popmusik. Doch auch kontemporäre Musikspeichersysteme, wie beispielsweise komprimierte Digitalspeicher (Mp3) oder auch Cloud- und Streamingservices, spielen eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei der Produktion und Rezeption von Musik. So ist etwa der Frequenzrahmen fast sämtlicher digitalen Musik von vorn herein stark zusammengestaucht und die massiven Mehrspurentonbandgeräte der Tonstudios der 60er und 70er Jahre sind in die Binärcodes kleiner Apfelrechenmaschinen verschwunden.

Dieses Seminar versucht in diesem Sinne einen geschärften Blick auf die konditionierende und konstituierende Rolle von Speichersystemen und Klangmaschinen für die Produktion und Rezeption von Musik zu werfen. Im Zentrum steht folglich die Untersuchung der Beziehungen zwischen Musikästhetik und Soundtechnologie. Hierbei sollen sowohl Kompositionen und Aufnahmen mechanischer und elektromagnetischer Speichersysteme (z.B. Grammophon- und Tonbandaufnahmen) als auch digitale (z.B. Mp3) und schriftbasierte Speicher (z.B. das klassische Notationssystem) berücksichtigt werden.

Ziel des Seminars ist ein reflektierter Umgang mit Grundbegriffen und Diskursen der Sound Studies unter besonderer Berücksichtigung aktueller Diskussionen zu Mediendispositiven und Technodeterminismus.