Leistung und Effizienzstreben haben sich tief im Mark des privaten und öffentlichen Lebens eingenistet. Die Losung besteht nicht mehr nur in der Optimierung des eigenen Tuns, auch das Nicht-Tun wird zunehmend in Logiken der Produktionssteigerung überführt. So werden seit längerem Entsagung und Verzicht als Strategien zur Verbesserung körperlicher wie geistiger Effektivität angepriesen und selbst der Schlaf ist mittels Sleep-Tracker und power naps quantifizierbar und optimierbar geworden. Im Akt des Verweigerns scheint das heutige Subjekt nicht mehr avantgardistisch oder rebellisch zu sein, sondern faul(t): Es versagt.

Trotz oder gerade wegen diesen Entwicklungen wollen wir im Seminar einen veränderten Blick auf das Nicht-Tun werfen und Formen des Stillstellens, der Passivität und Unterlassungen auf ihre verborgenen Potenziale untersuchen - abseits ihrer Bestimmung als gut funktionierende Raststätten auf der Überholspur des Lebens. Das machen wir mit sozial-utopistischen Texten (Lafargue, Gruppe Krisis), vor allem aber mit künstlerischen Arbeiten sowie Ansätzen aus der Kultur- und Performance Philosophie. Nicht-Tun ist hier nicht immer gleich Nichts-Tun, sondern markiert auch eine Schwelle zwischen Handeln und Nichthandeln, in der sich schöpferische ebenso wie zerstörerische Kräfte auftun. So wollen wir u. a. danach fragen, mit und von was wir im Zaudern und in der Erschöpfung konfrontiert und herausgefordert werden (Deleuze, Vogl)? Welche Weltzugänge Tagträumerei und Müdigkeit bereithalten (Goppelsröder)? Auf was das Warten gerichtet ist, wenn nichts erwartet wird (Blanchot, Benjamin)? Ob es eine Kunst des Spazierens und Flanierens gibt? Wie sich Nicht-Tun als "Neutrum" (Barthes) in der Sprache (sowie im Leben) niederschlägt und wirkmächtig auftritt und schließlich, ob es eine Medialität der Passivität(en) gibt?

Neben diesen theoretischen Annäherungen besprechen wir auch Arbeiten aus der Literatur (Kafka, Melville, Baudelaire), dem Film (Handke/Wender) besonders aber aus den performativen Künsten (Beckett, Abramovic, LIGNA). Dabei wollen wir sie nicht als Beispiele überbordender Theorien diskutieren, sondern sie in ihren eigenen Techniken, Poetologien und Beziehungsgeflechten als Wissensformen ernst nehmen, die sich jenseits der funktionalen und sinnstiftenden Textproduktion entfalten (und damit auch die Frage nach einer anderen Wissenschaft streifen).

Denken wir Nicht-Tun dabei als Erfahrungsweise(n) - und weniger als Begriff oder Sachverhalt - so bieten sich besonders die Methoden der Performance Studies/Performance Philosophy als Werkzeuge der Wahl an. Darum ist im Zuge des Seminars ein eintägiger Workshop mit Alice Lagaay und dem Theater der Versammlung geplant. Alice Lagaay ist Professorin für Ästhetik und Kulturphilosophie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Gründungsmitglied des interdisziplinären Forschungsfeld der Performance Philosophy und hat zahlreiche Aufsätze zum Geheimnis, Schweigen und Nicht-Tun veröffentlicht sowie einschlägige Sammelbände zum Thema herausgegeben. Das Theater der Versammlung ist eines der ersten Forschungstheater Deutschlands. 1992 unter der Leitung von Jörg Holkenbrink in Bremen gegründet, bedient es sich Mitteln und Methoden der Performance um das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Kunst auszuloten um neue Denk- wie Handlungsräume zu mobilisieren und öffnen. Das Ensemble agiert auf nationalen wie internationalen Bühnen und kann auf eine Vielzahl an Auftritten auf Fachtagungen zurückblicken.