Im Gegensatz zur Konzentration genießt Zerstreuung einen schlechten Ruf. Dabei kann sie als paradigmatische Wahrnehmungstechnik der westlichen Moderne begriffen werden und als Antwort auf soziale, kulturelle und mediale Wirklichkeiten, die zunehmend durch Fragmentierungs- und Auflösungserscheinungen bestimmt sind. In diesem Sinne meint Zerstreuung keinen pathologischen Umstand, sondern eine Wahrnehmungsform, die sich mit den Umwälzungen des modernen Lebens, vor allem aber anhand alter und neuer Medien herausgebildet und entwickelt hat.

Im Seminar nehmen wir einen historischen Blick ein und betrachten die Genealogie der Zerstreuung mittels einer Genealogie bildgebender Verfahren und Darstellungsweisen - vom Stereoskop über den Film zum Smartphone sowie dem Internet als Verteilungsmaschine. Berücksichtigt werden aber auch Orte der Zerstreuung, etwa die Großstadt, das Lichtspielhaus und die Weltausstellung als Vorreiterin einer kaleidoskopischen Weltsicht.

Dabei befragen wir diese Stationen auf ihre wirkästhetischen (bzw. wirkaisthetischen) Eigenschaften, Sinn und Sinnliches zu mobilisieren und wollen Ausschau halten nach Potentialitäten und transformativen Kräften der Zerstreuung jenseits ihrer Bestimmung als bloße Ablenkung. Wie gestalten sich Wissensordnungen, die nach Prinzipien der Identifizierung und Klassifizierung aufgebaut sind, unter Medienkulturen der Zerstreuung um und neu? Welche Auswirkungen haben sie auf Modelle der räumlichen und zeitlichen Anschauung und wie verändern sie den Blick und das Sehen im Allgemeinen? Relevant ist letztlich auch die Frage nach der Wahrnehmung selbst: So ist Zerstreuung nicht nur ein ebenso multiples wie spontanes Erfassen, sondern immer auch Resultat eines Erfasst-Werdens, was die Frage nach dem Wie der Wahrnehmung mit der nach dem Wo noch einmal verschäft und eweitert.