Dieses Seminar ist zweigeteilt. Der erste Block führt in die Theatersoziologie ein. Wir diskutieren den Zusammenhang von Theatralität
und Alltagsinteraktionen anhand theoretischer Texte sowie eigener Beobachtungen und -fragen. Ziel ist es, Potentiale und Grenzen
von Theaterbegriffen für ein tieferes Verständnis von Gesellschaft zu bestimmen. Wie sinnvoll ist es, Konzepte wie „Rollenspiel”
oder „Charaktermaske” auf außertheatrale Phänome anzuwenden? Insbesondere durch die Allgegenwärtigkeit der sozial genannten
Medien stellt sich die Frage wieder neu: Spielen wir wirklich alle immer Theater? Was sind Internetauftritte? Und was zeigen wir der
Kamera, wenn wir unser Gesicht für ein Selfie fotografieren?

Im zweiten Block wenden wir die Fragestellung ins Praktische: Welche Erkenntnismöglichkeiten bietet Theaterpraxis? Die Student_in-
nen sind eingeladen, alltägliche Situationen und Konstellationen von Interesse szenisch zu bearbeiten. So wird eine Distanz zum
eigenen Erleben möglich, die, analog zur soziologischen Theorie, eine allgemeinere Verstrickung in gesellschaftliche Strukturen und
Verhältnisse erkennbar werden lässt. Aber wie lässt sich diese Distanz theatral nutzen? Wie viel Spiel- und Denkraum eröffnet die
Verfremdung des Gewöhnlichen? Die Ergebnisse dieser künstlerischen Recherche präsentieren wir einander intern und diskutieren,
wie die verschiedenen Positionen einzuordnen sind und schließt mit Spekulationen darüber, wie Theater und Soziologie einander
informieren können.